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Lesung: Michael Schiffmann liest aus dem Buch "Operation Dornenfeld" von Tanya Reinhart

Tanya Reinhart, Professorin an der Universität in Tel Aviv, entwickelt in ihrem aktuellen Buch die Vorgeschichte der gegenwärtigen israelischen Strategie zur Entmachtung von Yassir Arafat und zur Vertreibung der palästinensisch-arabischen Bevölkerung. Sie erklärt den aktuellen Verlauf des Konflikts im Nahen Osten und leitet ihn anhand der historischen Fakten (inkl. Oslo-Abkommen) her. Ihre Analyse der israelischen Politik zeigt, daß Israel eine langfristige Strategie zur Verhinderung eines Staates Palästina verfolgt, die weit über die aktuelle Politik Sharons hinausweist.

Der Staat Israel wurde im Jahr 1948 nach einem Krieg gegründet, den die Israelis als den Unabhängigkeitskrieg und die Palästinenser als die Nakhba - die Katastrophe - bezeichnen. Ein leidgeprüftes, verfolgtes Volk suchte nach Schutz und einem eigenen Staat und fand beides zu einem furchtbaren Preis, den ein anderes Volk zu zahlen hatte. Während des Krieges von 1948 wurde mehr als die Hälfte der damaligen palästinensischen Bevölkerung von 1.380.000 Menschen von der israelischen Armee aus ihrer Heimat vertrieben. Während Israel offiziell behauptete, eine Mehrheit der Flüchtlinge sei lediglich geflohen, nicht aber vertrieben worden, erlaubte es den Flüchtlingen nicht zurückzukehren, wie es in einer kurz nach dem Krieg von 1948 verabschiedeten UN-Resolution gefordert worden war. So verschaffte sich Israel sein Territorium durch die ethnische Säuberung der ursprünglichen palästinensischen Bewohnerinnen und Bewohner des Landes.

Das ist in der Geschichte nichts Ungewöhnliches. Das Vorgehen Israels lässt sich nicht mit den massiven ethnischen Säuberungen der Ureinwohner Amerikas durch die Siedler und die Regierung der Vereinigten Staaten vergleichen. Wenn Israel an diesem Punkt, 1948, mit dieser Politik aufgehört hätte, könnte ich wahrscheinlich damit leben. Als Israelin bin ich in dem Glauben aufgewachsen, dass diese Erbsünde, auf der unser Staat gegründet wurde, vielleicht eines Tages vergeben werden könnte, weil die Generation der Staatsgründer von der Überzeugung getrieben war, dies sei der einzige Weg, das jüdische Volk vor der Gefahr eines neuen Holocaust zu bewahren.

Aber Israel änderte seine Politik nicht. 1967 eroberte und besetzte Israel nach einem allumfassenden Krieg mit drei arabischen Nachbarländern das Westjordanland (von Jordanien), den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel (von Ägypten) und die Golanhöhen (von Syrien). Die Sinai-Halbinsel wurde schließlich im Rahmen eines Friedensabkommens zwischen den beiden betroffenen Ländern an Ägypten zurückgegeben. (Der israelische Abzug wurde im Jahr 1982 abgeschlossen.) Der Rest der 1967 eingenommenen Territorien wird von Israel immer noch besetzt gehalten. Während des Krieges von 1967 floh eine neue Welle palästinensischer Flüchtlinge aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen. (Israelischen Quellen zufolge handelte es sich dabei um 250.000 Menschen.) Heute leben in diesen beiden Gebieten immer noch drei Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser unter israelischer Besatzung, umringt von israelischen Siedlungen, die auf ihrem Land gebaut sind.

Der berühmte israelische Philosoph und Wissenschaftler Yeshayahu Leibovitz warnte schon von Anfang an vor den Folgen, die die Besatzung haben würde. Im Jahr 1968 schrieb er: "Ein Staat, der eine feindselige Bevölkerung von 1,5 bis 2 Millionen Fremden [die damalige Zahl der Palästinenser in den besetzten Gebieten] regiert, wird schließlich zu einem Geheimdienst-Staat werden, mit all den Konsequenzen, die das für den Geist von Erziehung und Bildung, für die Rede- und Meinungsfreiheit und die Demokratie haben wird. Israel wird sich das Virus der Korruption holen, wie es für jedes Kolonialregime kennzeichnend ist. Die staatliche Verwaltung wird sich einerseits mit der Unterdrückung einer arabischen Protestbewegung und andererseits mit der Heranzüchtung arabischer Kollaborateure befassen müssen. ... Die Armee, die bis jetzt eine Volksarmee gewesen ist, wird aufgrund ihrer Verwandlung in eine Besatzungsarmee einen Degenerationsprozess durchmachen und ihre Offiziere, die nun Militärgouverneure sind, werden sich nicht von Militärgouverneuren anderswo in der Welt unterscheiden."1

In der machttrunkenen Atmosphäre, die damals in Israel die Szenerie beherrschte, schenkten nur wenige den Warnungen von Leibovitz Beachtung. Die Beziehungen zwischen den USA und Israel verbesserten sich nach Israels militärischem Sieg von 1967, der bewies, dass Israel ein wertvoller strategischer Aktivposten für die US-Interessen in der Region war. Mit den USA im Rücken fühlte Israel sich allmächtig.2 1982 führte der damalige Verteidigungsminister Ariel Sharon Israel in ein neues Abenteuer im Libanon, mit dem er weitreichende Ziele verfolgte: die Schaffung einer "neuen Ordnung" im Nahen Osten, die Zerstörung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) - die sich in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon entwickelt hatte - und die Gewinnung der permanenten Kontrolle über den an Israel angrenzenden Südlibanon. Bei dem israelischen Angriff kamen über 11.000 Libanesen und Palästinenser ums Leben.3 Obwohl der Krieg mit dem Libanon in der israelischen Gesellschaft als Fehlschlag betrachtet wurde, blieb das israelische Militär bis zum Mai 2000 in dem Territorium, das es im Südlibanon erobert hatte. Unterdessen behielt Israel seine Besatzung des 1967 eingenommenen palästinensischen Landes ungestört bei.

Der erste palästinensische Aufstand (1987-1993) brachte einen Wandel. Die israelische Gesellschaft entdeckte, dass ihre militärische Besatzung von palästinensischem Gebiet einen hohen Preis hatte. Viele Menschen erkannten, dass Leibovitz' Warnung allmählich zur Realität wurde, und viele weitere konnten die Besatzung aus moralischen Gründen nicht mehr akzeptieren. Auf Seiten der palästinensischen Bevölkerung basierte der Kampf um Unabhängigkeit - zum ersten Mal - auf der ausdrücklichen Anerkennung des Existenzrechtes Israels (in den Grenzen von vor 1967). Wie wir sehen werden, sprach sich die Intifada-Versammlung des Palästinensischen Nationalrates von 1988 für die Aufteilung des historischen Palästina in zwei unabhängige Staaten aus. Der Kampf gegen die Besatzung wurde zu einem gemeinsamen israelisch-palästinensischen Kampf, bei dem viele israelische Oppositionsgruppen in den besetzten Gebieten demonstrierten oder palästinensische Führer einluden, bei Teach-ins an israelischen Universitäten zu sprechen. Bei einem der zahlreichen Ereignisse dieses gemeinsamen Kampfes wurden siebenundzwanzig Mitglieder der israelischen Bewegung "21. Jahr" (darunter auch ich) nach einer Demonstration im Westjordanland fünf Tage lang ins Gefängnis gesperrt.

1993 hatte es den Anschein, als nähere sich die Besatzung ihrem Ende. Viele glaubten, dass das Oslo-Abkommen, das in diesem Jahr in Washington unterzeichnet wurde, zum Abzug Israels aus den besetzten Gebieten und zur Bildung eines palästinensischen Staates führen würde. Aber diese Hoffnung hat sich am Ende nicht bewahrheitet. Wie wir sehen werden, hat die politische Führung des israelischen Friedenslagers den durch Oslo inspirierten Geist der Versöhnung zu einer neuen und ausgefeilteren Form der Aufrechterhaltung der Besatzung umgebogen.

Sharon, der jetzt Premierminister Israels ist, bezeichnet seinen gegenwärtigen Krieg gegen die Palästinenser als "die zweite Hälfte von 1948". In den obersten Rängen des israelischen Militärs war dieselbe Formulierung schon im Oktober 2000, zu Beginn der zweiten Intifada - des gegenwärtigen palästinensischen Aufstandes - verwendet worden. Es kann inzwischen kaum noch ein Zweifel daran bestehen, dass diese Kräfte mit diesem historischen Verweis deutlich machen wollen, das Werk der ethnischen Säuberung sei 1948 nur zur Hälfte vollendet worden und habe der palästinensischen Bevölkerung noch zu viel Land übrig gelassen. Während die Mehrheit der Israelis der Kriege und der Besatzung müde ist, ist die politische und militärische Führung Israels immer noch von der Gier nach Land, Wasserressourcen und Macht getrieben. Aus dieser Perspektive war der Krieg von 1948 nur der erste Schritt im einer ambitionierteren und umfassenderen Strategie.

Dieses Buch konzentriert sich auf die Ära nach Oslo. Es beleuchtet die Politik Israels in den drei Jahren seit Ehud Baraks Wahl zum Premierminister und endet im Sommer 2002 - der bisher dunkelsten Zeit in der Geschichte Israels. Wie wir sehen werden, handelte es sich bei der Veränderung der israelischen Politik in dieser Periode weder um eine spontane Reaktion auf den Terror noch um einen Akt der Selbstverteidigung, sondern um die systematische Umsetzung wohlkalkulierter Pläne in die Realität. Der Band ist eine aktualisierte und erweiterte Fassung meines Buches Détruire la Palestine, ou comment terminer la guerre de 1948, das im April 2002 auf Französisch erschienen ist. Détruire la Palestine untersuchte unter anderem die Entwicklung der israelischen Pläne zur Zerstörung der Palästinensischen Autonomiebehörde. In der Zeit von April 2002 bis Juli 2002 wurden diese Pläne dann in vollem Maß ausgeführt.

Anmerkung: Das vorliegende Buch basiert in erster Linie auf Quellen, die aus den israelischen Medien stammen, obwohl auch andere Quellen zitiert werden. Von den auf Hebräisch erscheinenden israelischen Zeitungen bringt nur Ha'aretz eine englische Internetversion heraus, die ich auch für die meisten Zitate aus Ha'aretz verwendet habe. Die Zitate aus den anderen israelischen Zeitungen sind von mir aus dem hebräischen Original übersetzt. In einigen Fällen, in denen mir die englische Übersetzung eines in der hebräischen Version von Ha'aretz erschienenen Artikels nicht zugänglich war, habe ich dem Zitat die Bemerkung "Übersetzung aus dem Hebräischen TR" hinzugefügt. Ungefähr seit April 2002 scheint die englische Version von Ha'aretz in stärkerem Maß zensiert zu sein als die hebräische Version, und bestimmte Passagen, die ich hier zitiere, sind nur in der hebräischen Version erschienen. Diese Zitate sind durch die Bemerkung "nur in der hebräischen Ausgabe" gekennzeichnet.

Tanya Reinhart, 15. August 2002

"Informationen des Verlags":http://www.atlantik-verlag.de/?p=buch&pt=58

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